Comenius-Projektschule Gymnazium pod Svatou Horou Příbram (1999/2000)
Erster Kontakt
Der erste Kontakt zu tschechischen Schulen ergab sich für mich durch den damaligen Leiter der Deutschen Auslandsschule Prag und durch eine befreundete Kollegin, die am Goethe-Institut Prag tätig ist.
Nach einem Multiplikatorenseminar im Jahre 1996 trat das Goethe-Institut Prag schließlich ein Jahr später an mich heran mit der Frage, inwieweit ich an der Kontaktaufnahme zu einer tschechischen Schule, dem Gymnazium pod Svatou Horou in Příbram interessiert sei.
Unterstützt durch eine Oldenburger Kollegin, die zu diesem Zeitpunkt als Auslandsschullehrerin vorübergehend an der tschechischen Schule in Příbram unterrichtete, gelang es schließlich im September 1998 im Rahmen der Studienfahrt meines Leistungskurses Deutsch eine Exkursion nach Příbram durchzuführen und hier einen ersten persönlichen Kontakt zu der tschechischen Kollegin Frau Zdenka Machutová und zu dem Schulleiter, Herrn Pavel Sedláček herzustellen.
Vertreter der tschechischen Schule, die großes Interesse bekundete, an einer projektbezogenen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene im Rahmen des Comenius-Projektes mitzuarbeiten, nahmen daraufhin im Juni 1999 zusammen mit den übrigen Comenius-Partnerschulen des Ulricianums aus Newquay (GB), Wrocław/Breslau (PL), Kępno (PL) und Nesbru (NO) als Beobachterdelegation an der dritten Europäischen Comeniuskonferenz in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Schloss Kreisau/Krzyżowa teil.
Nach Genehmigung der Antragsunterlagen durch die nationale Agentur konnten wir das Gymnazium pod Svatou Horou Příbram seit September 1999 nunmehr auch offiziell als neue Partnerschule und als weiteres Mitglied des gemeinsamen europäischen Projektes Comenius begrüßen; in der Zeit vom 25. Februar – 05. März 2000 besuchte uns eine elfköpfige Gruppe tschechischer Schüler/-innen zusammen mit ihren Lehrerinnen Hana Štufková und Diana Sajdlová erstmalig, um am diesjährigen Comenius-Projekt 2000 der „Europa-Revue: Zeitreise durchs Jahrhundert“ teilzunehmen.
Die tschechische Projektgruppe aus Příbram, die an dem Comeniusprojekt 2000 „Europa-Revue: Zeitreise durchs Jahrhundert“ teilgenommen hat; in der ersten Reihe von links nach rechts: Hana Štufková und Diana Sajdlová.
Příbram – wo liegt das eigentlich?
Příbram ist eine interessante Kleinstadt in der Tschechischen Republik. Urkundlich erstmalig im 13. Jahrhundert erwähnt, entwickelte sich der Ort aus einem ursprünglichen Gehöft zu einem Städtchen, das Besitz und Zentrum der Herrschaft des Prager Bistums und später Erzbistums war; schon während dieser Zeit entstanden hier die St.-Jakobs-Pfarrkirche und eine hölzerne Festung, die während der Regierung Karls IV. zum steinernen Schlösschen „Zamecek“ umgebaut wurde, dessen Kern bis heute erhalten ist.
Seitdem im 14. Jahrhundert erstmalig Silber und seine Begleitmetalle gefördert wurde. ist die Kleinstadt Příbram seit dieser Zeit mit dem Bergbau verbunden. 1579 zur königlichen Bergstadt ernannt, beherbergte die Stadt im 19. Jahrhundert schließlich die erste Berglehranstalt in Böhmen, welche später als KuK-Bergakademie und seit 1904 als Montanhochschule bekannt wurde. Im Ortsteil Brezove Hory befindet sich ein bekanntes regionales Museum mit einer kostbaren Sammlung an Mineralien und mit zahlreichen technischen Denkmälern, welche mit dem Bergbau verknüpft sind.
In den Maitagen des Jahres 1945 war das ca. 65 km südwestlich von Prag gelegene Příbram zugleich ein zentraler Schauplatz für die Endphase des Zweiten Weltkriegs.
Nach der Niederschlagung des Prager Aufstands (5.-8.Mai 1945) durch Truppen der deutschen Waffen-SS und infolge des gleichzeitigen Herannahens von sowjetischen Einheiten der russischen Roten Armee, versuchten deutsche Einheiten der Waffen-SS und der Wehrmacht am 8. Mai 1945 sich nach Westen in Richtung der bei Pilsen und Strakonice zwischen russischen und amerikanischen Einheiten vereinbarten sog. Demarkationslinie abzusetzen, um sich dort in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu begeben.
Mehrere Tage nach der offiziellen deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 fanden zwischen dem 11. und 12. Mai 1945 bei Slivice in der Nähe von Příbram die letzten Kampfhandlungen zwischen sowjetischen Einheiten und Einheiten der Waffen-SS statt, die erst am 12. Mai 1945 in der Mühle von Rakovice mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch den SS-General Pückler-Burghauß als Oberbefehlshaber der SS-Truppen im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren endete.
Diese erst nach dem 8.Mai 1945 erfolgte Kapitulation auch der deutschen Waffen-SS-Verbände gilt als symbolisches Ende der Kampfhandlungen auf europäischem Boden. Heute erinnert das 1970 südlich von Příbram durch die Gemeinde Milín errichtete „Siegesdenkmal“ an diese letzten Kampfhandlungen auf dem Gebiet des heutigen Tschechien. In Lešetice bei Příbram befindet sich ein weiteres Denkmal, das an die Opfer des Krieges und des Kommunismus erinnert.
In der Nachkriegszeit erlebte die Stadt und die Region durch den Abbau von Uranerzen und die Entwicklung der Förder-, Aufarbeitungs- und Bergbautätigkeit zunächst einen großen wirtschaftlichen Aufschwungm der jedoch in der Folgezeit nachließ.
Mittlerweile ist die Entwicklung des Tourismus, der sich auf eine Vielzahl an Kulturdenkmälern und eine weitestgehend intakte Natur mit ausgedehnten Wald- und Wasserflächen in der Umgebung der Talsperre Orlik, Kamýc und Slapy konzentriert, ein wichtiges Standbein für die weitere ökonomische Entwicklung der Region.
Der bedeutendste Teil Příbrams ist freilich der Svata Hora, der „Heilige Berg“, der seit dem 17. Jahrhundert als Wallfahrtsort des Marienheiligtums berühmt und für seine architektonischen Besonderheiten bekannt ist (siehe unten).
Ein weitere lokale und kulturell interessante Besonderheit ist das Neorenaissanceschloss in Vysoká u Příbramě, das seit den Sechziger Jahren die Gedenkstätte zu Ehren des tschechischen Komponisten Antonin Dvořák (1841-1904) beherbergt; in zahlreichen Ausstellungen wurde seither an die Wichtigkeit dieses Ortes und der umliegenden Landschaft für Dvořáks Schaffen und Inspiration erinnert; die Szenenmodelle der Opern von Dvořák und Kostüme der Hauptgestalten der Oper Rusalka (Wassernymphe) bilden den Abschlussteil der dortigen Dvořák-Ausstellung.
Die Schule (Stand: 1996/1997)
Am Gymnazium pod Svatou Horou Příbram, das u.a. zu einer italienischen Schule Austauschkontakte unterhält, unterrichten z.Zt. insgesamt 18 Lehrerinnen und Lehrer; die Schule hat z.Zt. ca. 214 Schüler, davon 122 Mädchen und 92 Jungen; es gibt insgesamt acht Klassen mit im Durchschnitt 26,75 Schüler pro Klasse. Unterrichtet werden an der Schule die Fremdsprachen Deutsch, Englisch, Französisch. Der Bereich Neue Technologien und Informatik hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen; seitens des Schulträgers werden seither kontinuierlich Mittel zum weiteren Ausbau dieses Bereiches zur Verfügung gestellt. Die gymnasiale Laufbahn, die für die tschechischen Schüler mit Eintritt in die achte Klasse beginnt, wird im 12. Jahrgang mit dem Ablegen der Matura beendet, wobei die Schüler/-innen wie in der Bundesrepublik Schwerpunktfächer wählen können, in denen die Abiturprüfung durchgeführt wird.
Adresse der Comenius-Partnerschule: Balbinova 328, Pribram II, Tel./Fax 0420-306-21935. Schulleiter: Herr Mgr. Pavel Sedláček

Comenius-Treffen der Comenius-Leitungen in Oslo (2000); v.lks n. re.: Hans-Jürgen Westermayer, Liv Furelid, Hana Štufková, Małgorzata Wiater, Danuta Stefanská, N.N., Bente Brodersen, Diana Sajdlová, Michael Timpe
Zukunft
Da das Leben zukünftig in einem vereinten Europa stattfinden wird, muss es erklärtes Anliegen von Schule sein, Jugendliche auf das Leben im vereinten Europa vorzubereiten und das Verständnis für die europäischen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten zum Selbstverständnis der zukünftigen europäischen Bürgerinnen und Bürger zu machen. Wie der Leiter der Schulabteilung der Bezirksregierung Weser-Ems, Hans Kaiser, in diesem Zusammenhang jedoch ausdrücklich betont, kann es in „einem vereinten Europa … nicht allein um die touristische Perspektive gehen“; wichtig ist vielmehr, dass junge Menschen zusammen mit ihren Lehrkräften möglichst frühzeitig darauf vorbereitet werden müssen, z.B. durch internationale Bildungsarbeit u.a. in Form von Austauschbegegnungen mit anderen Lebensgewohnheiten und fremden Kulturen vertraut gemacht zu werden. Wie Kaiser anlässlich der Veranstaltungen des Europatages 1999 in Oldenburg dabei betonte, können es im Gegensatz zu bisherigen traditionellen Austauschbegegnungen künftig nicht mehr „allein der Fremdsprachenunterricht und die Fremdsprachenkenntnisse“ sein, die als „Motor für solch ein Engagement“ angesehen werden können.
Dies bedeutet nach meinem Verständnis im Einzelnen, dass es zum einen nicht mehr nur um die Vermittlung westeuropäischer Kulturen als Bestandteil des Schullebens gehen kann, sondern dass sich künftig gerade auch eine Auseinandersetzung mit den mittel- und osteuropäischen Kulturen unserer unmittelbaren Nachbarn Tschechien und Polen zu vollziehen hat.
Daraus ergibt sich aber auch zum anderen, dass das Prinzip tendenziell eher touristisch ausgerichteter Klassen- und Studienfahrten aufzugeben ist z.B. zugunsten eines konsequent projektbezogenen Schüleraustausches und der projektbezogenen Teilnahme an Programmen der Europäischen Union,

Die tschechische Projektgruppe aus Příbram, die an dem Comeniusprojekt 2000 „Europa-Revue: Zeitreise durchs Jahrhundert“ teilgenommen hat; in der ersten Reihe von links nach rechts: Hana Štufková und Diana Sajdlová.
in denen bilaterale und multilaterale Projekte z.B. in der Zielsprache Englisch durchgeführt werden. Ohne Rücksicht auf die jeweilige Muttersprache und den Umfang/die Qualität der je gegebenen Fremdsprachenkenntnisse werden hier umfangreiche Möglichkeiten geschaffen, praxisbezogene Zusammenarbeit für ein Europa einzuüben, in dem viele Nationen mit vielen Sprachen friedlich zusammenleben und zusammenarbeiten.
Inwieweit sich die Zusammenarbeit mit unserer tschechischen Comenius-Partnerschule in dieser Richtung weiterentwickeln wird, wird die Zukunft erweisen. Das größte Problem scheint mir vorläufig zunächst jedoch noch darin zu liegen, dass auf deutscher Seite stärker als bisher verinnerlicht werden muss, dass das vielgerühmte „Europäische Haus“ nicht nur eingeschränkt aus der bisherigen westlich fixierten Perspektive betrachtbar ist, da die Realisierung zahlreicher Zukunftschancen künftiger Schulabsolventen nicht mehr zwangsläufig eine westeuropäische oder gar nordamerikanische, sondern mindestens gleichberechtigt eine mittel- und osteuropäische Orientierung erforderlich machen wird!
Im Sinne Francis Picabias bleibt daher zu wünschen: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann!“
Nachtrag

Hana Štufková (1999/2000)
Mit dem Wechsel Hana Štufkovás an das ebenfalls in Příbram gelegene Gymnasium Příbram endete zwar die bisherige Zusammenarbeit des Gymnasiums Ulricianum Aurich mit ihrer früheren Schule, dem Gymnazium pod Svatou Horou Příbram.
Gleichwohl kooperiert sie weiter mit dem Gymnasium Ulricianum Aurich und engagiert sich im Rahmen des multilateralen Erasmus+-Programms, des Nachfolgeprogramms des bisherigen Bildungsprojektes Comenius.
Adresse:
Gymnasium Příbram, Legionářů 402
26101 Příbram 7


