Polen – so nah, so fern

Vor mehr als fünfzig Jahren aus der europäischen Zeit katapultiert, haben die Polen 1989 die Reise nach Europa angetreten. Ja, es stimmt: Europa verändert sich – doch ändern auch wir unsere verwestlichten Perspektiven? Beginnen auch wir durch eine Veränderung unserer bisherigen Bewußtseinsstrukturen nunmehr nicht mehr nur in Richtung Westeuropa, sondern in gedanklicher Hinsicht verstärkt auch in Richtung Osteuropa zu “reisen”? – Immer noch ist es nicht viel, was Schülerinnen und Schüler westlich der Oder über dieses Land in der Mitte Europas wissen, und das wenige erschöpft sich meist in Vorurteilen. Zudem: Eine Reise nach Polen bedeutet für Deutsche immer auch eine Konfrontation mit der eigenen Geschichte, ihre mörderischen Spuren ziehen sich durch das ganze Land (s. Artikel zur Projektarbeit der “Arbeitsgemeinschaft Polen”). Gleichwohl gilt: Die (Neu-) Entdeckung unseres osteuropäischen Nachbarlandes Polen darf sich nicht nur auf eine gedenkstättenpädagogische Erinnerung an die Stätten des Holocaust reduzieren lassen. Nein, wer von der Zielperspektive des “Europäischen Hauses” spricht, muß vielmehr die Bereitschaft entwickeln, sich im Zusammenhang mit persönlichen Begegnungen für die besondere Historie, die geschichtlich gewordene heutige Kultur, die heutigen politischen und ökonomischen Veränderungen eines osteuropäischen Landes wie Polen sensibilisieren zu lassen. Insbesondere den Schulpartnerschaften und dem Schüleraustausch mit Osteuropa kommt neben der Teilnahme an europäischen Bildungsprojekten wie dem Comenius-Projekt daher hier eine besondere Bedeutung zu, insofern sie dazu beizutragen geeignet scheinen, sich mit fremdkulturellen Einstellungen, Wahrnehmungsstrukturen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen, die aus anderen nationalen Traditionen oder anders-kultureller Sozialisation herrühren.

Seit dem 31. August 1995 nun besteht – initiiert durch einen Antrag der Arbeitsgemeinschaft Polen – zwischen dem Gymnasium Ulricianum Aurich und dem XIII.  bilingualen Liceum Wroclaw, dessen Namenspatron der polnische Komödiendichter Aleksander Graf Fredro (1793-1876) ist, eine offizielle  deutsch-polnische Schulpartnerschaft.

Gründungsgeschichte

Vor ca. 100 Jahren gegründet, befindet sich das in der Hauke-Bosaka-Straße (der früheren Clausewitzstraße) angesiedelte XIII. Liceum seit ca. zwanzig Jahren in einem engen und alten Gebäude aus roten Ziegelsteinen, die die Franzosen nach dem preußisch-französischen Krieg als Reparation an Preußen leisten mußten; seit 1995 ist ein Teil der Schule in dem mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit errichteten zweiten Gebäudeflügel untergebracht.

Von 1945 – 1961 beherbergte das Gebäude die sog. “Deutsche Schule”, die von polnischen Ursulinerinnen geführt wurde. Seitdem die Schule im Jahre 1961 als XIII. Liceum unter staatliche Kontrolle gestellt und seit 1973 in ein allgemeinbildendes Liceum umgewandelt wurde, ist  dieses von z.Zt. 900 Schülerinnen und Schülern besuchte Liceum heute eines der 15 allgemeinbildenden Liceen in Wroclaw und der 9 mit einer anderen Schulart kombinierten Liceen (meist mit einem Technikum), welche der schulverwalterischen Obhut des Kuratoriums der Woiwodschaft Wroclaw unterstellt sind.

Für die polnischen Schülerinnen und Schüler beginnt der vierjährige gymnasiale Ausbildungsgang nach dem 8. Grundschuljahr, wenn sie die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Am Ende des vierten Jahres wird die Matura abgelegt, und zwar mit zentralen Aufgabenstellungen in entsprechenden Pflicht- und Wahlfächern.

Was nun ist das Besondere an unserer jüngsten polnischen Partnerschule, die sich spätestens seit dem 1. September 1993 als die “glückliche Dreizehn” bezeichnen darf?

Nicht nur, daß die Stiftung für polnisch-deutsche Zusammenarbeit dem XIII. (Aleksan­der – Fredro) Gymnasium in Breslau 22 Mrd. Polnische Zloty (PLZ) zuwies, damit mit der Errichtung eines zweiten Gebäudeflügels neben neuen Unterrichts- und Bibliotheksräumen, einer neuen Aula als Zentrum für kulturelles Leben und eines neuen Hallenschwimmbades ein dringend erforderlicher und auf ca. 27 Mrd. PLZ geschätzter Ausbau der Schule zum September 1995 vorgenommen werden konnte.

Nicht nur, daß der Antrag der Schule unter der Nummer 1000 registriert wurde und das ,,Dreizehnte“ deswegen von der Stiftung zusätzlich den Gegenwert von 1000 DM für den Kauf von Lehrbüchern zuerkannt bekam.

bilingualer Zweig mit Deutsch als Unterrichtssprache

Nein, das Besondere an unserer jüngsten Partnerschule ist vor allem, daß hier derzeit ein bilingualer Zweig mit Deutsch  aufgebaut wird und das XIII. Liceum in Breslau damit eine von z.Zt. acht bilingualen Schulen mit Deutsch in ganz Polen ist

Alles begann im Frühling des Jahres 1992 , als die in Breslau tätige Deutsche Sozialkulturelle Gesellschaft (NSTK) dem Kuratorium für Bildung und Erziehung vorschlug, eine bilinguale Klasse (in der die Unterrichtssprache in mehreren Fächern Deutsch ist) in einem der Lyzeen einzurichten. Der diesbezügliche Vertrag wurde im Herbst 1993 unterzeichnet. Am 1. September 1993 wurde im XIII. Liceum schließlich eine experimentelle  Vorbereitungsklasse mit der Unterrichtssprache Deutsch eingerichtet, in der die Jugendlichen aus der Grundschule nach der Versetzung in die achte Klasse und nach dem erfolgreichen Bestehen der vom Ministerium in Warschau ausgearbeiteten Aufnahmeprüfung den Unterricht aufnehmen konnten. Die Schirmherrschaft über die experimentelle Klasse wurde dabei vom Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland und von der NSTK übernommen.

Von den ca. 300 Bewerbern wurden zum September 1993 ca. 40 in die Vorbereitungsklasse aufgenommen, wobei hier – laut Vereinbarung – ein Kontingent von ca. 10 Plätzen für Angehörige der deutschen Minderheit eingerichtet wurde. Ein Jahr später konnte schließlich die erste Gruppe von 30 Schülerinnen und Schülern im September 1994 mit dem gymnasialen Unterricht beginnen. Fast alle Fächer, außer Polnisch, der zweiten Fremdsprache und Geschichte, werden in Deutsch unterrichtet. Im Vergleich zu der ,,Norm“ in einem gewöhnlichen wöhnlichen Liceum wird auch die  Zahl der für Deutsch vorgesehenen Unterrichtsstunden vergrößert (15 Wochenstunden; daneben erhalten die Schüler noch 3 Wochenstunden Englisch).

Sprachdiplom und Hochschulstudium

Auch bei den Aufnahmeprüfungen für die bilingualen Vorklassen der beiden Schuljahre 1994/95 und 1995/96 war das Interesse und die Konkurrenz unter den Schülerinnen und Schülern groß.  Das ist nicht verwunderlich, denn das Ziel dieses Zweiges ist das zum bundesrepublikanischen Hochschulstudium berechtigende Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz (KMK), Stufe II, das in der 4. Klasse abgelegt wird. Diese Prüfung wird von der Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) in Köln zentral weltweit gestellt und auch dort korrigiert.

“Wir bemühen uns”, sagt Urszula Spalka, die Direktorin der Schule, “daß Absolventen der bilingualen Klassen, nachdem sie 2 Prüfungen (nach der 2. und nach der 3. Klasse) bestanden haben, Zertifikate erhalten, die sie berechtigen, das Studium an einer beliebigen deutschen Hochschule fortzusetzen. Unser Lyzeum wäre nach dem II. (Sobieski-) Liceum in Krakau die zweite Schule in Polen, die den Jugendlichen diese Chance gibt”.

Man braucht nicht hinzuzufügen, welche Chance diese Prüfungen darstellen und welche Bedeutung die bisher getätigten und noch zu tätigenden Investitionen für Schüler und Lehrer des “Dreizehnten” haben.

Wen wundert es, daß die Schule heute überfüllt ist und der Unterricht in einer verlängerten Unterrichtszeit stattfindet. In jeder Klasse, die spezialisiert ist,  werden Fremdsprachen angeboten: Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch, z.T. drei-, vier- und sechsstündig (als erweiterter Fremdsprachenunterricht).

Jahrgangsweise Schwerpunkte der einzelnen Klassen

Auch den unterschiedlichen Neigungen der Schülerinnen und Schüler der “glücklichen Dreizehn” wird Rechnung getragen. Die jeweiligen Schulklassen sind entsprechend den Neigungen der Schülerinnen und jahrgangsweise wie folgt eingeteilt:

Journalistenklasse mit Englisch und Deutsch

Journalistenklasse mit Spanisch und Deutsch

Unter “Journalistenklasse” versteht man in Polen die Klassen, in denen u.a. auch Journalisten unterrichten. Die Schüler lernen journalistisch zu schreiben – auch  zu dichten; Schüler schreiben Reportagen und andere Artikel für die Zeitung, Wettbewerbe in polnischer Sprache (des öfteren sind bereits erste Preise auf gesamtpolnischer Ebene an Mitglieder dieser Journalistenklasse vergeben worden); so sind beispielsweise schon oft Artikel von Schüler/-innen in der Niederschlesischen Zeitung, der Arbeiterzeitung, ja sogar in der “Gazeta Wyborcza” erschienen und prämiert worden.

Klasse mit erweitertem Deutschunterricht

Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse

Kunstklasse

Klasse mit erweitertem Englischunterricht

Bilinguale Klassen

Zahlreiche Schulpartnerschaften mit anderen europäischen Schulen

So weist alles darauf hin, daß sich der Spruch über die sprichwörtlich unglückliche Dreizehn im Falle der bestehenden und sich abzeichnenden vielfältigen Möglichkeiten am XIII. Liceum nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Partnerschaft mit Schulen in Europa blüht; neben dem Austausch mit einem französischen Lycée in Lyon bestehen auch zahlreiche Partnerschaften mit Schulen in Deutschland, u.a. mit Berlin, Dresden und Sulingen (Niedersachsen); seit dem Schuljahr 1995 ist nun das Gymnasium Ulricianum Aurich als weitere Partnerschule hinzugekommen, so daß der Entwicklung einer vielfältigen und in jeder Hinsicht aufgeschlossenen deutsch-polnischen Partnerschaft damit nichts mehr im Wege steht; nicht als Traum, sondern als beginnende konkrete Wirklichkeit!

Michael Timpe, Gymnasium UIricianum Aurich; Fachlehrer Deutsch, Werte und Normen, Französisch; Leiter der Arbeitsgemeinschaft Polen und stellvertr. Vorsitzender der “Deutsch-Polnischen Gesellschaft Ostfriesland e.V.”