Kernidee dieses theoretisch-praktisch ausgerichteten Projekts ist es dabei insbesondere, das Projekt nicht allein in der Schule, sondern im Zielland Polen selbst durchzuführen, denn:
„Es geht darum, Schüler in einem besonders aufnahmefähigen Alter für andere … Kulturen zu sensibilisieren, also um interkulturelles Lernen im Zusammenhang mit personalen Begegnungen (Begegnungssprachen-Konzept). Es soll Offenheit für Fremdkulturelles erzeugt ud damit der Baustein für den Erwerb einer Internationalismuskompetenz gelegt werden. In der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Begegnungen wird ein kulturkundliches Wissen erworben, auf das die weiterführende Schule zurückgreifen kann.“
Unterstützt durch die Deutsch-Israelische Gesellschaft, durch die Stiftung Kreisau (Angelusa Silesiusa Wroclaw), durch zahlreiche private Sponsoren der Stadt Aurich und der Region Ostfriesland usw. gelang es im Schuljahr 1994 schließlich erstmals, ein diesbezügliches Projekt in Wroclaw und Auschwitz im Juli 1994 durchzuführen.
Konkrete Auswirkung dieses bereits durchgeführten Projektes war die anschließende Gründung einer schulischen „Arbeitsgemeinschaft Polen“, die sich unter Leitung der beiden Fachlehrer Neves und Timpe seither intensiv auf das für den Juni 1995 in Zusammenarbeit mit polnischen und jüdischen Teilnehmern geplante Folgeprojekt vorbereitet. Mit diesem Gemeinschaftsfolgeprojekt in Wroclaw, Kraków und Auschwitz soll des weiteren nach der derzeitigen Planung voraussichtlich auch an der für das Jahr 1995/1996 als Wettbewerb ausgeschriebenen „Jugendkampagne gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz“ des Europarates Straßbourg teilgenommen werden.
Mittlerweile hat auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und gebürtige Breslauer, Herr Ignatz Bubis, den Veranstaltern in einem persönlichen Gespräch und auch schriftlich seine persönliche Unterstützung bei der Durchführung dieser Vorhaben und weiteren Folgeprojekte zugesichert; eine Projektempfehlung an die „Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ ist in diesem Zusammenhang bereits erfolgt.
Welche Ziele werden mit diesem Projekt verfolgt, welche Erkenntnisse sollen vermittelt werden?
Den Schülerinnen und Schülern soll während dieser Projektarbeit auf dem Jüdischen Friedhof Wroclaw „Geschichte“ anschaulich vermittelt und ihre Bereitschaft und Fähigkeit zu sprachlicher Kommunikation im Umgang mit geschichtlich Gewordenem erweitert werden (u.a. durch Gespräche mit Angehörigen der Jüdischen Gemeinden, durch Gespräche mit ehemaligen Insassen des Vernichtungslagers Auschwitz, durch Gespräche und Diskussionen mit polnischen Schülerinnen, durch praktische Restaurationsarbeiten des altjüdischen Friedhofs von Wroclaw etc.).
Im einzelnen wird mit diesem die „Erinnerungsarbeit vor Ort“ praktizierenden Projekt „Jüdischer Friedhof Wroclaw“ angestrebt, daß die Schülerinnen und Schüler in der Auseinandersetzung mit Aspekten der deutsch-polnisch-jüdischen Beziehungen
- erkennen, daß jede Zeit, also auch die Gegenwart, historisch bedingt ist
– den grundsätzlichen Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart sehen;
– historische Sachverhalte in ihrer Andersartigkeit sehen, nach den unterschiedlichen
Vorausseetzungen vergangener Ereignisse, Verhältnisse, Strukturen etc. fragen;
– einen eigenen Zugang zu kulturellen und literarischen Traditionen finden.
- erkennen, daß geschichtliche Vorgänge durch Entscheidungen gekennzeichnet sind:
– nach der Einwirkung von Personen, Gruppen und Institutionen auf geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen fragen, ihre Spielräume für Handeln und Verantwortung sowie die Grenzen ihrer Einwirkungsmöglichkeiten darstellen;
– die Entscheidungen im Spannungsfeld von Absicht und Auswirkung, von Freiheit und
Zwang, von ethischen Normen/religiösen Bindungen und Interessen sehen;
– die Bedeutung normativer Zielsetzungen sowie Bedingungen und Mittel ihrer Durch-
setzung in bestimmten historischen Situationen erkennen und bewerten.
- erkennen, daß die Beschäftigung mit deutsch-polnisch-jüdischer Geschichte den eigenen Horizont in vielfältiger Weise erweitert
– einen eigenen Standpunkt bei der Beurteilung historischer Sachverhalte gewinnen und
Fähigkeiten zu begründeten Wertungen entwickeln;
– geschichtliche Kenntnisse zur Überprüfung von Einstellungen und zum Abbau von
Vorurteilen benutzen;
– aus der Analyse historischer Konflikte Kriterien für die Einschätzung und Bewältigung
gegenwärtiger Konflikte gewinnen.
- erkennen, daß das individuelle wie das gesellschaftliche Denken und Urteilen
geschichtlich-kulturelle Wurzeln haben, wobei die fortschreitende Entwicklung der
Verstehens- und Verständigungsfähigkeit, d.h. die Bereitschaft und Fähigkeit zu
menschlicher Kommunikation als eine wesentliche Voraussetzung dafür begriffen
werden soll, tolerantes und solidarisches Handeln verantwortungsvoll zu praktizieren.
Unter Bezugnahme auf das unter dem Punkt „Die Auseinandersetzung mit Aspekten der deutsch-jüdischen-polnischen Geschichte am Beispiel des alten jüdischen Friedhofs in Wroclaw/Breslau“ angeführte Konzept eines „sinnverstehenden Zugangs zu fremden Lebenswirklichkeiten“ durch „Fähigkeit zur Perspektivenkoordinierung“ (Habermas) lassen sich wesentliche Ziele des Projektvorhabens dem interkulturellen Lernen zuordnen [vgl. FRIEDRICHS-JAHRESHEFT „EUROPA“ (1991), S. 70ff]. Doch wie bei allen Klassifizierungs- und bei allen Erarbeitungsversuchen didaktisch-methodischer Konzeptionen gilt auch hier bei diesem Projektvorhaben „Jüdischer Friedhof Wroclaw“ zuallererst und weiterhin:

