Bericht über eine be-merkenswerte deutsch-polnische Begegnung der ”Arbeitsgemeinschaft Polen” des Ulricianums im polnischen Kreisau und Breslau
von Hans-Christian Heinemeyer und Michael Timpe
Das niederschlesische Dorf Kreisau (Krzyżowa) ist ein malerischer Flecken am Rande des Eulengebirges. Es liegt ungefähr 50 km von Wrocław (Breslau) entfernt und war diesjähriges Ziel einer 48-köpfigen Schüler/-innengruppe des Ulricianums, die sich vom 21. April bis zum 2. Mai 1998 in Polen aufhielt. Die Lehrer Michael Timpe, Helmut Ubben begleiteten den Austausch- und Friedhofsprojektteil des Begegnungsvorhabens, Wilfried Lange die Theatergruppe; Friedemann Rast hatte die Aufgabe, die Fahrt erstmalig zu dokumentieren.
Im sog. “Berghaus” des Gutes des Grafen Moltke zu Kreisau traf sich in den Jahren 1942 und 1943 eine deutsche Widerstandsbewegung: der ”Kreisauer Kreis”. Helmut James Graf von Moltke, Großneffe des Feldmarschalls der Einigungskriege, versammelte dort Freunde und Gesinnungsgenossen, um den Sturz Hitlers zu planen, und eine anschließende Neuordnung der deutschen Gesellschaft zu überlegen.
An diesem geschichtsträchtigen Ort nun wurde im Zuge der Vereinbarungen des deutsch-polnischen Abkommens vom Herbst 1989 die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS) Kreisau gegründet.
Seither ist die IJBS Kreisau Treffpunkt für Jugend- und Projektgruppen aus Deutschland und Polen, Tschechien oder Israel geworden. Sie bietet Gelegenheit, durch Gedanken- und Erfahrungsaustausch, Kontakte zu knüpfen, zu vertiefen und das (Un)Wissen übereinander durch gemeinsame Aktivitäten zu erweitern.
”Ziel der Stiftung Kreisau”, erklärt Ela Krówka, die Bildungsreferentin der IJBS, ”ist es vor allem, die Verständigung und Zusammenarbeit insbesondere der deutsch-polnischen Jugend zu fördern, kurz: Aktivitäten zu initiieren, die Frieden und Toleranz zwischen den Völkern und einzelnen Menschen vorantreiben! Denn die jungen Europäer sind es, die Europa weiterbauen und ausgestalten werden. Sie brauchen aber Informationen über die Nachbarländer, müssen ihre eigenen Urteile und Einstellungen überprüfen, indem sie Kontakte – und mehr – zu europäischen Nachbarn praktizieren lernen!”
”Was also lag näher”, so Michael Timpe, der Koordinator und Leiter des deutsch-polnischen Gesamtprojekts, ”als mit der ‘Arbeitsgemeinschaft polen’ nach Kreisau zu fahren und gerade an diesem Ort zusammen mit den Schüler/-innen unserer polnischen Partnerschule eine Jugendbegegnung durchzuführen?”
Bereits seit 1994 beschäftigen sich Schülergruppen des Ulricianums mit den Spuren der deutschen Vergangenheit in Polen. Diese Vergangenheit ist dabei präsent sowohl in Graffities an Hauswänden (“50 Jahre Festung Breslau”; “Adolf Hitler ist der Sieg”) als auch z.B. beim Anblick der Zyklon-B-Dosen während des Besuchs des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.
Das Projekt der Ulricianer begann zunächst mit der Arbeit auf zwei jüdischen Friedhöfen Breslaus, um durch diese symbolische Tätigkeit ein Zeichen für Frieden und Versöhnung zu setzen.
Doch der überwiegende Teil von Schülern und Lehrern der AG wollte das Nachbarland nicht ausschließlich als riesigen Friedhof, als Leichenfeld, als Land, in dem die Spuren der deutschen NS-Vergangenheit weiterhin unübersehbar sind, erfahren! Denn Polen ist den Deutschen als Land zwar weithin unbekannt, zeigt jedoch bei näherer Betrachtung ungeheure Reize. Daher erweiterte sich der Grundgedanke des Projekts sehr rasch um den Willen, das Leben der Deutschen und Polen in einem gemeinsamen ”Haus Europa” nicht immer nur zu predigen, sondern auch zu leben.
Ein besseres gegenseitiges Kennenlernen, eine intensive Auseinandersetzung gerade mit den Problemen der Gegenwart und Zukunft auf beiden Seiten wurde als erforderlich angesehen; seit dem Jahre 1995 unterhält das Gymnasium Ulricianum Aurich nun auch eine offizielle Schulpartnerschaft mit dem bilingualen XIII. Liceum Breslau.
Seither hat sich eine vielfältige und vielversprechende Form der Zusammenarbeit ergeben. Neben dem regulären jährlichen Austausch, nimmt die polnische Partnerschule zusammen mit dem Ulricianum auf europäischer Ebene teil an dem zunächst bis 1999 befristeten COMENIUS-Bildungsprojekt. An diesem Europaprojekt beteiligen sich weitere Partnerschulen des Ulricianums, nämlich aus Großbritannien (Newquay), Polen (Kępno) und Norwegen (Asker); die zweite ”European Conference”, auf der die Ergebnisse des letzten Projektjahres vorgestellt werden sollen, wird in wenigen Tagen in Oslo (Norwegen) stattfinden.
Die Fahrten der Polen-AG des Ulricianums gelten unter den Schülerinnen und Schülern bisher zwar als “interessant”, weil “ungewöhnlich”, wurden aber in der Vergangenheit von zahlreichen Schülern häufig nur als ”Geheimtip” oder als ”Fahrten in den Wilden Osten” verstanden. Schüler jedoch, die an diesen Projektfahrten schon einmal teilnahmen, wissen um die Faszination dieses Landes und genießen, dass sich nirgends so schnell und zahlreich dauerhafte Kontakte bilden, wie zu polnischen Freunden.
Gleichwohl ist nach wie vor eine ausgeprägte ”Westorientierung” vieler Schüler (”Wo liegt denn dieses Krakau eigentlich? Warum soll ich nach Breslau fahren, wenn ich mich zugleich für London oder Paris entscheiden kann?”) zu verzeichnen: “Polen” als neu zu entdeckendes Land, als europäische Region, kommt in den Köpfen zahlreicher Jugendlicher häufig noch nicht vor!
Die Gefahr bestand daher, dass sich die Fahrten der ”Arbeitsgemeinschaft Polen” zu ”Veteranenfahrten engagierter Polonisten” entwickelten, die – vom ”Polenfieber” infiziert – z.T. viermal (!!) hintereinander (durchaus zur Freude der Projektleitung!) an diesen Projektfahrten teilnahmen.
Gleichwohl hatte die ”Ag Polen” natürlich ein vitales Interesse daran, neue Interessentinnen und Interessenten zu werben. Denn die Schüler der ersten Projektfahrtgeneration haben die Schule inzwischen als Abiturienten verlassen, und die Leiter befürchteten zunächst ein ”Versanden” des ursprünglichen Projektvorhabens.
Doch von diesen Befürchtungen, noch im letzten Jahr geäußert, war vor gut zwei Wochen keine Spur mehr zu bemerken.
Mehr als zwei Drittel neue Schüler/-innen aus dem zehnten, elften und zwölften Jahrgang haben sich (zusammen mit einigen ‘Ehemaligen’) am 21. April zum ersten Mal auf den Weg nach Polen aufgemacht. Sie sahen Kreisau, Breslau und Auschwitz und nahmen begeistert an der diesjährigen deutsch-polnischen Begegnung teil.
Nachdem während des letztjährigen Aufenthaltes neben Breslau auch die Universitätsstadt Krakau als wunderschöne Stadt erfahren wurde, erhielt auch diese Fahrt durch den Besuch Kreisaus ihre Besonderheit.
Der diesjährige deutsch-polnische Begegnungsrahmen wurde erstmals durch die Kooperation dreier (!) deutscher und polnischer Teilprojektgruppen realisiert, die entsprechend den von den Schülern gewählten Schwerpunkten als Gesamtbegegnungsrahmen nach einem ”Baukastenprinzip” vernetzt wurden:
Neben der bisherigen Austausch- und Friedhofsgruppe nahm diesmal auch die Theatergruppe ”Projekt 75” teil. Ihr Leiter Wilfried Lange wird die bisher bewährte Zusammenarbeit zwischen der Auricher und Breslauer Schule durch die Etablierung einer weiteren Säule in Form von Theaterarbeit weiter festigen.
Einen ersten guten Anlass dazu bot das Einstudieren des zweisprachigen Theaterstücks ”Worte der Liebe”, das sowohl in Kreisau als auch später in der Aula des XIII. Liceums in der ul. Hauke Bosaka erfolgreich aufgeführt wurde Dieses Stück stellt zudem den Theaterbeitrag für den deutsch-polnischen Wettbewerb der Dresdner Körberstiftung zum diesjährigen „Jugendoscar“ dar.
Nach Überzeugung aller Beteiligten bewährte sich der viertägige Aufenthalt in der IJBS Kreisau vor allem darin, dass sich die unterschiedlichen Teilgruppen vor dem Aufenthalt in Breslau besser kennenlernten. Sie wuchsen in Kreisau zusammen, und das verhinderte eine mögliche Zersplitterung, ein Auseinanderdriften der Gruppenteilnehmer.
So erfuhren “national gemischte” Schülergruppen in einer “Kreisau-Ralley” gemeinsam die Geschichte des Gutes Kreisau und wichtiger Personen des deutschen Widerstandes. Nebenbei lernten die Schüler die Umgebung Kreisaus kennen. Gerade auch für die polnischen Teilnehmer war es interessant, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ohne das Thema auf den Aspekt nationalsozialistischer Täterschaft reduziert zu sehen. Auf diese Weise erhielten auch polnische Schüler Informationen über die Geschichte des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.
Auricher und Breslauer Jugendliche – zusammen in unbekannter Umgebung! Auch dies trug wesentlich dazu bei, dass sich inmitten der ländlichen Idylle persönliche Kontakte zwischen den deutschen und polnischen Jugendlichen stetig intensivierten; die Campus- oder Seminaratmosphäre trug hierzu wesentlich bei.
Nicht zuletzt die – wiederum ‘gemischte’ – Kleingruppenarbeit zu selbstgewählten Themen wie
- ”Wir miteinander – in Europa?”;
- ”Deutsche – vergangenheitsbesessen?!”;
- ”Wir wollen endlich an heute und morgen denken, und nicht ständig an das erinnert werden, was war! Oder?”;
- ”Stereotype auf polnischer und deutscher Seite – szenisch in Collagenform dargestellt” usw.
stellte eine hervorragende Möglichkeit für die Jugendlichen dar, sich besser kennen- und einschätzen zu lernen. Wichtiger als die Inhalte aber war schließlich, dass die Zusammenarbeit und Diskussion innerhalb der Gruppen hervorragend funktionierte, allen Beteiligten viel Spaß bereitete und sehr ergebnisreich endete.
Dabei bewies sich einmal mehr, dass sich Verschiedenheit in Meinungen und Ansichten, nicht unbedingt aus nationalen Zugehörigkeiten ergibt, sondern aus der Zugehörigkeit zu Strömungen der Jugendkultur resultiert, die als international anzusehen sind.
Wer bis zu diesem Zeitpunkt daran noch gezweifelt haben sollte, wurde eines Besseren belehrt … – spätestens während des ”Kult(our)abends” im Kreisauer ”Pferdestall”, den Zusammenkünften bei ”Beata”, der Aufführung ”Worte der Liebe” oder der Abschlußdisco, die im Schloss des Gutes stattfand.
Dolny Śląsk (Niederschlesien): Von Krzyżowa/Kreisau nach Wrocław/Breslau, die Stadt der Kirchen an der Odra
Am 25. April ging es dann weiter nach Breslau. Dort auf dem Parkplatz des XIII. Liceums in der ul. Hauke Bosaka angekommen, trennten sich zunächst die Wege der Schüler, die entweder von ihren polnischen Gastfamilien empfangen wurden oder auf die Weiterfahrt zum Angelus-Silesius-Haus warteten.
Unter der Leitung des Religionslehrers Helmut Ubben arbeitete die Friedhofsgruppe an den nächsten Tagen auf dem Historischen Friedhof. Er wurde in den achtziger Jahren restauriert und ist heute in das Historische Museum Wrocław integriert. Über 12.000 Grabsteine und 300 Grabmonumente zeugen von der eindrucksvollen deutschen Grabmalarchitektur des 19. Jahrhunderts.
Der Leiter des Historischen Museums Breslau, Maciej Lagiewski, erzählt: ”Die Eltern, der in Auschwitz ermordeten Jüdin Edith Stein liegen hier.” Und weiter berichtet der frühere Preisträger des ”Kulturpreises Schlesien”, der jährlich vom Land Niedersachsen und der Wojwodschaft Wroclaw gestiftet wird: ”Unter anderen liegt hier aber auch der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle, begraben.”
Wie in den letzten Jahren besuchten die Gruppen die Jüdische Gemeinde Breslaus. Sie hatten diesmal Gelegenheit, eine Diskussion über ”Jüdische Identität” fortzusetzen, die schon in der IJBS Kreisau begonnen hatte; zugleich sahen wir, wie der Wiederaufbau der verborgen in einem Hinterhof liegenden Synagoge zum ”Weißen Storch” voranschreitet. Diese wurde 1829 von C.F. Langhans jr. für die orthodoxe Gemeinde Breslaus erbaut. Ganz in der Nähe des alten jüdischen Viertels, auf dem Plac Bohatérow Getta, dem Platz der Helden des Ghettos, erinnert ein Mahnmal an die Opfer der Shoah.
Die Austauschgruppe besuchte während dieser Zeit u.a. den Unterricht der bilingualen Klassen des XIII. Liceums. Die Schüler informierten sich hierbei über Unterschiede zwischen dem deutschen und polnischen Schulsystem.
Besuche der Universität Breslau mit ihrer ”Aula Leopoldina” aus Habsburger Zeiten, einer Ausstellung über moderne Kunst polnischer Maler und kleinere Stadtteilführungen führten insbesondere den ‘Erstfahrern’, die Schönheiten Breslaus vor Augen; besonders beeindruckte das Rundbild der Schlacht bei Racławice (1794; ”Panorama Racławice ”), das die Taten des polnischen Nationalhelden Tadeusz Kosciuszko im Kampf gegen die Russen zeigt.
Die dt.-polnische Theatergruppe setzte ihre in Kreisau gemeinsam begonnene Theaterarbeit fort und probte während ihres Aufenthaltes in der Aula des XIII. Liceums, die vor kurzem noch von der Oder überschwemmt war. In die Aufführung am 1. Mai 1998 platzte, zur großen Freude der Beteiligten, ein Fax, das die Auszeichnung der Gruppen durch die Dresdner-Körberstiftung für ihre bisherige Arbeit meldete. Der Preis ist mit DM 500,- dotiert. Auch dies war eine schöne Belohnung für die in Kreisau begonnene Arbeit an gemeinsamen grenzüberschreitenden Projekten …
Abends trafen wir uns am Denkmal des polnischen Komödiendichters Alexander Fredro, der auch Namenspatron unserer Partnerschule ist. Die Statue steht auf dem Rynek, dem Marktplatz, wo zu dieser Jahreszeit bereits das Leben pulsiert.
Was ist das Positive?
Was bleibt, ist jedes Mal die Erinnerung an gemeinsame Aktivitäten, von denen ein Motivationsschub für alle Beteiligten ausgeht! Die zahlreichen Ideen, die auf den Polenfahrten geboren werden und die förmlich nach Umsetzung drängen. Zu diesen Ideen gehört zum Beispiel die Vision einer virtuellen Zeitung der dt.-polnischen Gruppen, die im Internet erarbeitet wird. Dazu gehören die Entwicklung von Austausch- und Begegnungsprogrammen, die sich an konkreten Themenschwerpunkten orientieren, die z.B. im Sinne der Öffnung von Schule in Zusammenarbeit mit der IHK Betriebspraktika für Deutsche und Polen in dem jeweiligen Partnerland ermöglichen (könnten); dazu gehören die Dokumentation der bisherigen Begegnungen seit 1994, die Erstellung von schulischen und außerschulischen Wanderausstellungen z.B. in Aurich und in Breslau, für die Weser-Ems-Ausstellung usw. All dies lässt erahnen, wie vielfältig noch unsere Möglichkeiten auf den ”Jungen Wegen in Europa” sind, die im Rahmen unseres neuen, gleichnamigen Projekts der Robert Bosch Stiftung noch genutzt werden können! Zunächst jedoch freuen wir uns auf den baldigen Gegenbesuch der Breslauer Theater- und Austauschgruppen und sagen: Bis zum Wiedersehen im Alten Fahnster Krug in Aurich am 7. Juni 1998: Do widzenia!

